Psychiatrie-Patienten immer noch ausgegrenzt
Fallzahlen gestiegen: Klinik in Niederwenigern will ihren Patienten aus der Stigmatisierung helfen (Juni 2005)Psychische Erkrankungen haben in den letzten Jahren stark zugenommen – und sind immer häufiger Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Frührente. Dennoch müssen sich die Betroffenen auch heute noch vielfach ausgegrenzt fühlen. Die Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel mit ihrer Psychiatrie am St. Elisabeth-Krankenhaus Hattingen-Niederwenigern versuchen, ihre Patienten aus dieser Stigmatisierung zu befreien. Die 108-Betten-Abteilung ist ein gutes Beispiel für die Fortschritte in Deutschland nach der so genannten Psychiatrie-Enquete vor genau 30 Jahren.
„Haben Sie nicht einen Stempel, auf dem Ihre Facharztbezeichnung nicht draufsteht?“ – die Frage kennt Privat-Dozent Dr. med. Thomas Zeit aus der täglichen Arbeit zur Genüge. Denn den „Facharzt für Psychiatrie“ möchte niemand gerne auf seiner Krankmeldung an den Arbeitgeber lesen. Die Angst vor Ausgrenzung ist groß – und die Liste erlebter Stigmatisierung lang.
„Da toben alte Ressentiments“, sagt der Chefarzt – und die Wurzeln dafür liegen nicht nur in den Ängsten der Menschen: Die Folgen jahrelanger Propaganda im Dritten Reich und die spätere Erkenntnis über den verbrecherischen Missbrauch der Psychiatrie haben das Ansehen des medizinischen Fachs geprägt. Doch vor genau 30 Jahren legte der Bericht einer großen Enquete-Kommission an den Deutschen Bundestag den Grundstein für eine „neue“ Psychiatrie in Deutschland. „Missstände wurden genau benannt, und es kam zu einer umfassenden fachlichen und politischen Debatte.“ In Auftrag gegeben wurde der Bericht übrigens auf den Tag genau vor 34 Jahren – am 23. Juni 1971.
„Während 1975 nur fünf psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern im ganzen Ruhrgebiet existierten, sind es heute 25 Abteilungen, in denen psychisch Kranke im näheren Wohnumfeld behandelt werden können“, sagt Privat-Dozent Dr. Thomas Zeit. „Für unser Versorgungsgebiet bedeutete das früher: Patienten mussten in das 110 Kilometer entfernte Landeskrankenhaus Warstein gebracht werden.“ Heute gehören die Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel mit dem St. Elisabeth-Krankenhaus Hattingen-Niederwenigern zu den so genannten Abteilungspsychiatrien, in denen die Patienten wohnortnah behandelt werden können – bei vielen Diagnosen auch in enger Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen der Kliniken. In der 1981 gegründeten Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie mit Tagesklinik stehen 90 Betten und 18 Plätze in der Tagesklinik zur Verfügung – das Krankenhaus übernimmt damit die Pflichtversorgung für die rund 180.000 Bewohner von Hattingen, Witten und Sprockhövel.
Fallzahlen nehmen erheblich zu
Trotz aller Fortschritte in der Versorgung ist die Angst vor Ausgrenzung auch nach 30 Jahren geblieben. „So kommt zur psychischen Krankheit auch noch die Scham, eine solche zu haben“, sagt Dr. Zeit. „Diese Sorgen drängen umso mehr, als zahlreiche Statistiken alarmierende Zahlen über psychische Erkrankungen ausweisen. Zahlen, die einen viel höheren Stellenwert der Psychiatrie innerhalb der gesamten medizinischen Versorgung rechtfertigen würden.“
So habe die Weltgesundheitsorganisation festgestellt, dass die Depression mit 12 Prozent die weltweit führende Ursache dafür ist, dass Lebensjahre eines Menschen durch eine Behinderung beeinträchtigt werden. Unter den zehn wichtigsten Erkrankungen, die auf diese Weise betrachtet werden, ist das Fach Psychiatrie gleich mehrfach vertreten – unter anderem mit Schizophrenie und Alkohol. „Daten einer großen Krankenkasse zeigen außerdem, dass psychische Erkrankungen bei den Arbeitsunfähigkeitstagen zwischen 1997 und 2001 mit 51 Prozent die größten Zuwachsraten hatten.“ Und im Jahr 2002 ergingen Bescheide für Frührenten zu 28 Prozent wegen psychischer Probleme – also fast in einem Drittel der Fälle.
Psychische Krankheiten haben viele Ursachen – und Therapieformen
„Heute wissen wir, dass psychische Krankheiten eine so genannte multifaktorielle Entstehungsgeschichte haben“, sagt der Chefarzt. „Sowohl biologische als auch psychologische als auch soziale Ursachen tragen zur Entstehung der Krankheit in unterschiedlicher Gewichtung bei.“ Entsprechend vielseitig muss das Therapie-Angebot sein. „Wir sprechen daher von einem therapeutischen Team um den Patienten.“
Ein wesentlicher Baustein ist nach wie vor die medikamentöse Behandlung. „Denn erst durch die Linderung akuter Symptome können weitere psycho- und sozialtherapeutische Maßnahmen eingesetzt werden. Die von Angst gequälte Patientin ist unruhig, unsicher, in ihrem Denken und Fühlen nur auf ihre Ängste ausgerichtet. Der depressive Patient kennt nur seine herabgesetzte Stimmung, seine Lebensunlust, seine Antriebsarmut, seine eingeengten Gedanken. Unter medikamentöser Behandlung kann man dem Patienten Entlastung schaffen, um danach die weiteren, insbesondere psychotherapeutischen Maßnahmen einsetzen zu können.
„Viele Patienten wundern sich, dass hier keine verschlossenen Türen sind“, sagt Monika Kaschel, Stationsleiterin für den Pflegedienst auf der Station 7. Therapie-Schwerpunkte hier sind Depressionen, Angststörungen, Zwangserkrankungen, Somatisierungsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen und Spielsucht. Früher waren die Aufgaben des Pflegedienstes sehr eng gesteckt: Verwahrung, Versorgung und Beaufsichtigung der Patienten – auf der modernen Station fällt schon das einladende Ambiente von Zimmern, Gruppenräumen und Therapiebereichen auf. „Im Vordergrund unserer Arbeit stehen die Beziehung zum Patienten und die Auseinandersetzung mit seiner Erkrankung“, sagt die Stationsleiterin. „Wir müssen zum Beispiel seine Fähigkeiten wahrnehmen, um sie stärken und fördern zu können.“ Gemeinsam mit Psychiatern, Psychologen und den unterschiedlichsten Therapeuten wird ein individuelles Therapie-Angebot für den Patienten erstellt, mit dem er seine Krankheit in den Griff bekommen soll: beispielsweise durch Einüben von Verhaltensweisen, Vermeiden bestimmter Situationen oder durch die Stärkung seines Selbstvertrauens. Federführend ist dabei Claudia Fuhr, stationsleitende Diplom-Psychologin: „Auf dieser Station setzen wir den Schwerpunkt in der Verhaltenstherapie.“
„Die Therapie ist bei jeder Krankheitsform und bei jedem Patienten unterschiedlich“, sagt Chefarzt Dr. Zeit. Und so kommt es sehr auf das Team und sein breites Therapie-Angebot an – das in Niederwenigern übrigens bis hin zum Kochen und vielseitiger Gestalt- sowie Ergotherapie geht. „Wichtig ist, dass die Patienten wirklich angstfrei hierhin kommen können“, sagt Monika Kaschel.
Was eine vorurteilsfreie Beurteilung der Psychiatrie den Betroffenen bringen würde, weiß die Stationsleiterin aus den Bemerkungen vieler Patienten: „Wenn wir gewusst hätten, wie es hier ist, wären wir viel früher gekommen.“



